January 30, 2008
Media: Karneval in Rio: ‘Holocaust- Motivwagen sorgt für Empörung’
Dieses Mal äussern wir uns nicht gutmenschlich – wie im Falle des Faschingsumzugs in München am Holocaust-Gedenktag -, sondern nur medienkritisch zum Thema.
Klar, dass uns in den nächsten Tagen dieses Thema in fast allen Print- und Online-Organen weiter präsentiert werden wird. In den meisten Fällen wird es sich dabei um die redaktionell (nach)bearbeiteten Meldungen von zwei oder drei Nachrichtenagenturen handeln – also um den üblichen Nachrichten-Einheitsbrei.
Wer es differenzierter haben will, wird die Bannerträger des Qualitätsjournalismus ansurfen im Wissen, dass diese mindestens freie MitarbeiterInnen vor Ort haben (wenn nicht gar fest angestelltes Personal). So suchte denn Schreibender die Frankfurter Rundschau Online auf, wo ein Herr Kunath den Herrn Barros – seines Zeichens künstlerischer Leiter der mit dem Holocaust-Sujet paradierenden Samba-Schule Viradouro – mit den Worten zitiert (Screenshot):

Der hier schreibende Gutmensch fühlte sich von dieser brasilianischen Feinfühligkeit – wenn auch nicht gleich in historischer Hinsicht – durchaus positiv angemutet; der hier schreibende Medienkonsument surfte allerdings weiter zum Blog von Klaus Hart, um dort (im Eintrag Brasilianischer Therapeut Jorge Forbes: ‘Rio-Karneval eher ein Fest kollektiver Entfremdung, Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit’, 24. Januar) zu lesen:
Der aus Rio de Janeiro stammende renommierte Therapeut und Kolumnist Jorge Forbes erläuterte entsprechende soziokulturellen Besonderheiten des Tropenlandes in einem Exklusivinterview und kritisierte dabei auch den Rio-Karneval. ‘In unserem Land geschehen viele Tragödien, viele schockierende soziale, wirtschaftliche Desaster. Die Brasilianer müßten jedesmal innehalten, und sich einfach sagen: Schluß mit dem Lachen. Doch damit haben Brasilianer im allgemeinen große Probleme – sie sind Selbstbesinnung, Selbstbeobachtung und eben dieses Innehalten nicht gewöhnt. Als ob sie fürchten, an Kreativität, an Lebenslust zu verlieren. Oder gar in eine ausweglose Depression zu verfallen.’ Therapeut Forbes bezog sich u.a. auf das letzte große Flugzeugunglück von São Paulo, bei dem rund zweihundert Menschen größtenteils in den Flammen eines Airbus umgekommen waren. Von solchen Geschehnissen wolle sich der Brasilianer so rasch wie möglich entfernen, tue dies indessen auf krankhafte Art. Daß direkt am Schauplatz der Flugzeugkatastrophe lachende Menschen waren, Regierungsfunktionäre minutenlang lachten, zudem obszöne Gesten machten, nennt Therapeut Jorge Forbes ebenfalls manisch, krankhaft. Brasiliens Nachrichtenmagazin ‘Veja’ veröffentlichte Fotos von hohen Funktionären der staatlichen Luftaufsichtsbehörde Infraero, die am Unglücksort auf den brennenden Airbus zeigen, irgendeine Bemerkung machen und dann etwa fünf Minuten lang lachen. Auch über die Scheiterhaufen von Rio werden immer wieder Witze gerissen.
Zugegeben, solche Unterschiede in den Gatekeeper-Ansagen machen perplex – aber auch deutlich: Es genügt nicht, bloss einen Mitarbeiter vor Ort zu haben, denn es ist in den Medien genau wie aufm Bau: Klempner ist nicht gleich Klempner.


