March 30, 2007

Paperholic-Serie: Unter Fruchtzwergen und Scheinriesen (I)

Lehrer LaempelDie Blogosphere, das Marketing und ich – heute: Triumph der Dilettanten

Hysterisch lachen habe sie müssen, berichtete gestern Lorelle VanFossen in The Blog Herald (1), als sie gelesen habe, wie ein Blogger als world-reknown expert on WordPress charakterisiert worden sei. Sie wisse, schreibt sie, dass dieser Experte seit gerade mal 4 Monaten blogge und zuvor keinerlei einschlägige Erfahrungen gesammelt habe – weder mit PHP, mit WordPress, noch mit Webdesign.

Wann ist jemand Expertin oder Experte auf einem Gebiet?

Die herkömmliche Sicht ist wohl die vernünftigste: Wer über Qualifikation und Erfahrung verfügt. Ein staatlich anerkanntes Diplom ist zum Beispiel eine solche Qualifikation. Und der Laie, welcher Expertenrat sucht, wird zu differenzieren wissen: zwischen dem Pfuscher, dem gelernten Elektriker mit Fähigkeitsausweis und dem Elektroingenieur mit Hochschulabschluss.

Das ist Lebenserfahrung, und so läuft das doch auch für einen selbst in der Volkswirtschaft, wo man einem gnadenlosen Prozess ausgesetzt ist mit den Faktoren Qualifikation, Weiterbildung, Erfahrung, Arbeitszeugnisse.

Das JEKAMI der Blogosphere sorgt in dieser Hinsicht für enorme Verwirrung: Wer zwei, drei Stunden surft, könnte zur Überzeugung gelangen, unsere Welt sei mit Legionen von Experten bevölkert – vor allem auf den Fachgebieten Medizin, Kommunikation, Marketing, IT, Kunst usw. Tatsächlich dürfte sich die Zahl der bloggenden echten Experten bezogen auf die Gesamtzahl der Bloggerinnen und Blogger im untersten einstelligen Prozentbereich bewegen. Wenn überhaupt, denn die Frage ist naheliegend: Warum sollen Experten bloggen? Geschieht es aus finanziellen Interessen (Eigenwerbung), dann setzt beim so genannten Normalbürger der übliche Denkprozess ein: Der gute Arzt hat viele Patienten und wenig Zeit, der schlechte hat viel Zeit und schreibt in der Quartierzeitung eine Ratgeber-Kolumne…

… und so bezieht der Normalbürger in die Evaluation seines Kamera-Kaufs zwar das Internet mit ein, aber er wird nur die von ihm als zuverlässig eingestuften Informationsquellen studieren (wie Warentest, Wikipedia), dann vielleicht das eine oder andere Forum aufsuchen.

Blogs – insbesondere Marketing-Blogs (und insbesondere Marketing-Blogs mit so genannten Publireportagen) – aber wird er meiden wie der Teufel das Weihwasser: Denn seine Alltagstheorie lässt ihn vermuten, dort unter Dilettanten zu fallen. Und diesen möchte er den Triumph, sich selbst die Rosstäuscherei tunlichst ersparen.

Fortsetzung folgt!

(1) The Blog Herald: Define Expert, Please (March 29)

Illustration: Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch

By Gris-Gris at 5:11 pm CET | Category: Backyard, Blogs, In Flagranti
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3 Responses to “Paperholic-Serie: Unter Fruchtzwergen und Scheinriesen (I)”

  1. Heutzutage kann jeder Experte sein. Mann braucht keinerlei Qualifikation. Ich könnte theoretisch als UFO-Experte im Fernsehn auftreten, weil ich mal ein paar Bücher über den Roswell Crash gelesen habe. Oder sogar als Terrorismus Experte, weil ich von 7/7 insofern betroffen war, daß meine Bahn in die Stadt hinein wegen eines angeblichen Stromausfalls in Leytonstone stoppte, ich mit dem Bus wieder zurück nach Hause musste und dann im Radio erfuhr, was überhaupt eigentlich los war. Absoluter Irrsinn. Das mit dem grassierenden Expertentum, meine ich.

  2. Eric says:

    Wir schildern hier nur die Sicht des kleinen Mannes (unsere). Auch das könnte ein Form von Expertentum sein…

    … dennoch sind wir wohlgemut!

    Danke für diesen Expertenbericht. Ein weiteres Steinchen im Mosaik.

  3. Alles ist Expertentum neuerdingens. Absolut. Und Grazie! :-)



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