December 19, 2005
Heute ist Montag: Teamsitzung!
Die Zeit vergeht, und die 2. Bloggerweihnacht steht uns ins Haus. Die Besucherzahlen sinken, denn die Menschen draussen sind nun mit dem Schnüren der Pakete beschäftigt. Endlich kann man wieder ein wirklich privates Tagebuch führen.
Von diesem Gedanken der Intimität beflügelt besprachen wir an der heutigen Sitzung die Ängste unseres ältesten Teammitglieds betreffend Aufkommen des Bürgerjournalismus als Konkurrenz zum professionellen Journalismus. Jener werde – obwohl eigentlich noch gar nicht vorhanden – in der Blogosphere gehätschelt, dieser verteufelt und durch das Internet pauperisiert… Das würde, früher oder später, zu einem medialen Interregnum führen.
Irrtümlicherweise ist unser ältestes Teammitglied der Meinung, dass im Zeitalter des kommunikativen Aufrüstens der Politik die noch real vorhandene 4. Kraft einen gehörigen Zuwachs an Potenz nötig hätte. Mehr Rechercheure, mehr Redaktoren, einen längeren Atem, d.h. mehr Spesengelder… Insbesondere der Lokaljournalismus sei arg dezimiert, lamentiert es stets. Die schreiben lieber unverbindliche Stimmungsberichte über das Pendeln in der Grossagglomeration als über die Pflegequalität im Altersheim um die Ecke. Und dort stinke doch allerlei zum Himmel…
Es ist schwierig, älteren Menschen das Prinzip der Jobrotation zu erklären. Sie wollen partout nicht einsehen, dass es vorteilhaft ist, wenn die Print-Dinosaurier durch bloggende Bürgerjournalistinnen und -journalisten ersetzt werden. Wir versuchten zu erklären, dass dies beispielsweise hinsichtlich der Anzahl der Arbeitsplätze ein völlig neutraler Vorgang sei: Die Profis werden zu Bürgerinnen und Bürgern, die Bürgerinnen und Bürger zu Profis. Mit dem schönen psychohygienischen Nebeneffekt, dass Letztere nun endlich ihr geliebtes Hobby als Brotberuf ausüben können….
… selbstverständlich mit der vollen Unterstützung von Google und Yahoo! Diese Firmen verfolgen ja eine ausgesprochen intelligente Strategie: Zunächst werden durch die Umleitung der Geldströme die alten Medien ausgetrocknet, das Kapital wird in Jambalay-Land zwischenparkiert, um später wieder re-investiert zu werden: in Bürgerjournalismus-Akademien, beispielsweise, zwecks Förderung des Qualitäts-Bürgerjournalismus.
Das ist im Kern doch ein revolutionärer Vorgang, versuchten wir unserem ältesten Teammitglied zu erklären, eine Rückkehr zu den Prinzipien der Französischen Revolution, sogar zur Paradiesvorstellung von Karl: Am Morgen Fischer, am Mittag Tischler, am Abend Journalist – alle Menschen können alles. Ein einzig’ Triumph der Selbstverwirklichung.
… und des Lustprinzips, warf unser jüngstes Teammitglied an dieser Stelle ein und gab damit das Stichwort:
Noch schnell wurde ein Klingelton heruntergeladen, und schon ging es flugs in die Pause zum LAVAZZA. So sind die jungen Leute von heute. Unserem Ältesten spendierte er sogar noch einen Grappa. Auch Bert hätte an ihm seine helle Freude gehabt.
Soweit der Bericht von unserer heutigen Teamsitzung!


