August 5, 2005

Schweiz: Markus Kutter ist tot (und wir beklagen in diesem Zusammenhang auch eine Archivleiche)

Letzte Woche ist der Basler Citoyen, Publizist und Unternehmer Markus Kutter verstorben. Wir haben Kutter hier noch vor einigen Wochen als Mit-Autor von achtung: die schweiz erwähnt.

Der Meldungen von Kutters Ableben waren viele, und es gab auch einige lesenswerte Nachrufe im Netz (zum Beispiel: hier und da). Ausserhalb der Landesgrenzen scheint Kutter vor allem als Mitbegründer der Werbeagentur GGK wahrgenommen zu werden. Immer wieder konnte man denn auch lesen, nun sei das K von GGK abgetreten.

GGK hat sich längst als magisches Kürzel verselbständigt. Die originale Werbeagentur GGK existiert schon seit vielen Jahren nicht mehr. Entstanden war sie 1962, als sich der Architekt (und Musikfanatiker) Paul Gredinger zu jener Agentur gesellte, die Kutter und der Graphiker Karl Gerstner bereits 1959 gegründet hatten (siehe hierzu auch: The designer as programmer - Karl Gerstner by Eye Magazine). GGK, nicht zuletzt dank Aufträgen der Basler Chemie gut gepolstert, war äusserst erfolgreich. Einige ihrer Kampagnen erregten internationales Aufsehen. Filialen im Ausland wurden eröffnet, unter anderem die (heute als legendär geltende) GGK-Filiale in Düsseldorf.

Bei GGK arbeiten zu dürfen war der Traum vieler junger Graphiker und Texter. Einer, allerdings, der das gekonnt hätte, lehnte dankend ab: der aus der Innerschweiz stammende Werbetexter Uli Wiesendanger. In einer biographischen Notiz (PDF, 116 KB, persönlich. com, Januar 2002) erinnert er sich an seine Begegnungen mit Markus Kutter und den anderen Chefs von GGK:

GGK in Paris und Basel, 1967. Dr. Markus Kutter besucht mich in Paris. Ich arbeite bei Young & Rubicam, und er fragt sich, ob ich zu einer noch nicht existierenden GGK Frankreich passen würde. Wir trinken zuerst etwas auf den Champs Elyseés. Sein Buchhalter ist auch dabei und wird mir als Martin Suter vorgestellt. Er ist unglücklich, weil er gerne Texter werden möchte. Ich habe eigentlich nichts zu verlieren und mache Herrn Dr. Kutter darauf aufmerksam, dass es viel weniger gefährlich für seine Agentur sei, einen Buchhalter zum Texter zu machen als umgekehrt. Ich bin mir voll bewusst, dass ich mit dieser Bemerkung der Schweizer Literatur wieder auf die Beine helfe.

Nachher schlägt Markus vor, ich darf jetzt Markus sagen, nach dieser ersten Leistung, dass wir zusammen in die Agentur nebenan gehen und für den Rest des Nachmittags gemeinsam eine Anzeige für Young & Rubicam Paris schreiben. Es geht um eine neue Textilfaser, die den Modeschöpfern erlauben soll, Kleider zu entwerfen, die Frauen noch anziehender machen. Nach einer Weile schreibt Markus: “Our researchers think from morning to evening only about women.” (Wir sind in einer amerikanischen Agentur.) Es ist eine Headline, die ich nachvollziehen kann. Ich gebe also auf, und er gewinnt.

Die Revanche findet eine Woche später in Basel statt. Das Briefing wird gleichzeitig von den Herren Gerstner, Gredinger und Kutter gegeben. Ist also verständlicherweise verwirrend und deshalb ein bisschen unfair. Robert Stalder soll mich beurteilen. “Herr Wiesendanger, wir sind hier in einer Agentur, die sich in Basel befindet. Basel ist die Metropole der Schweiz, schulterreibend mit Frankreich und Deutschland. Unsere Werbung ist deshalb oft zu intellektuell, zu grossstädtisch, zu geistreich. Dem breiten Publikum schwer zugänglich. Wir brauchen dringend einen einfachen Innerschweizer, der mit beiden Füssen fest auf dem helvetischen Boden steht. Ich wäre dafür, Sie einzustellen.”

Es tut mir natürlich grundsätzlich gut, dass ich richtig beurteilt werde. Warum bin ich trotzdem nicht hingegangen? Weil es mir auch gut tut, wenn ich ein bisschen überschätzt werde, wahrscheinlich.

Markus Kutter stieg 1975 bei GGK aus und war seither vor allem als Einzelkämpfer (auf verschiedenen Gebieten, auch in der Politik) tätig.

GGK selbst ist im Netz erstaunlich schlecht dokumentiert und originales GGK-Material nur schwer auffindbar. Eine Website der Schule für Gestaltung Basel weist auf 350 eingelagerte Schachteln hin: Archiv der Werbeagentur GGK Basel ca. 1956 – 1996, Entwürfe, Präsentationen, Inserate, Prospekte, Filme etc.

So ist - neben Markus Kutter - also noch eine andere Leiche zu beklagen: die GGK-Archivleiche. Zumindest sie könnte aber wiederbelebt werden. Das wäre doch was, liebe Basler Archivare!

By Eric | Category: In Flagranti
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